Warum
hat die Vernunft nicht den richtigen Stellenwert?
Immanuel
Kant war sicher
der wichtigste Philosoph, der sich mit der Vernunft befasste.
Die Kritik
der reinen Vernunft ist sein Hauptwerk. Wikipedia schreibt zum
Titel: Kritik ist nicht auf Beanstandung, Tadel oder Herabwürdigung zu
verstehen, sondern im ursprünglichen Sinn des griechischen Wortes krino "scheiden, unterscheiden, beurteilen" als Analyse und Überprüfung im weitesten
Sinne.
Moses
Mendelssohn nannte Kants Philosophie „alles zermalmend“. Doch die Kritik der reinen
Vernunft zerstört nicht nur, sie verteidigt menschliche Freiheit und Autonomie.
Das Werk wurde 1827 von der katholischen Kirche auf den Index der verbotenen
Bücher gesetzt (Wikipedia).
Für
Luther war die Vernunft des Teufels Hure.
Im
Neuen Testament steht in Epheser 2,3: Unter ihnen haben auch wir alle einst
unser Leben geführt in den Begierden unseres Fleisches und hatten den Willen
des Fleisches und der Vernunft und waren Kinder des Zornes von Natur wie
auch die anderen.
Anderseits
gibt es in der Bibel auch viele Stellen, in denen die Vernunft positiv erwähnt
wird. Die Vernunft darf aber den Glauben an Gott nicht beeinträchtigen.
Alle
Religionen berufen sich nur so lange auf die Vernunft, wie sie sich der
absoluten, religiösen Wahrheit unterwirft.
Wir
brauchen eine zweite Aufklärung!
Mit Aufklärung
wird eine geistige Bewegung bezeichnet, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts
entstand. Diese Denkrichtung erklärte die Vernunft (Rationalität) des Menschen
und ihren richtigen Gebrauch zum Massstab allen Handelns. Nur das, was mit dem
Verstand begründet werden kann, was beweisbar ist, kann als Richtschnur des
eigenen Verhaltens dienen.
Die
Vernunft könnte ein Bollwerk gegen Voodoo und andere spiritualistische Ansichten,
gegen Aberglauben aller Art, gegen Esoterik, gegen Verschwörungstheorien, gegen das Staatsverweigerer-Syndrom und Schwurblerei
sein.
In
unserer Gesellschaft hat die Vernunft nicht den gebührenden Stellenwert.
Die
Religionen wollen, dass in dem Bollwerk der Vernunft eine grosse Öffnung bleibt. Auch alle Ideologien wie der Sozialismus
oder der Nationalismus, wehren sich dagegen, dass die Vernunft das Mass aller Dinge
wird.
Der Ausspruch
von Kant: Habe
Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen könnte zersetzend wirken und sich
negativ auf die Geschlossenheit der Community auswirken.
Aber
können wir ohne Religion leben? Wir suchen in unserem Leben einen Sinn, einen
letzten Grund, auf dem wir bauen können, einen Halt, ein Fundament, etwas das
unsere Welt im Innersten zusammenhält 1).
Wenn
wir Ideologien oder Religionen folgen, dann wissen wir, dass es Gleichgesinnte
gibt. Wir fühlen uns nicht allein.
Wir,
die wir auf westliche Werte bauen und uns an einer aufgeklärten Weltanschauung
orientieren, sollten auch ein Wir-Gefühl entwickeln.
Es
ist kein Widerspruch, wenn wir uns beim Anhören einer Bach Kantate in eine
andere Welt entführen lassen, wir staunend in einer alten Kirche stehen oder
auf einer Kirchenbank unsere Gedanken sammeln oder uns von religiöser
islamischer Musik verzaubern lassen.
Werden
wir zu Egoisten, wenn wir uns zu stark auf die Vernunft fokussieren?
Nein,
es ist vernünftig niemanden zu schädigen, weil ich selbst nicht geschädigt
werden will, da ich das schmerzhafte Gefühl kenne, das Verletzungen welcher Art
auch immer hervorrufen. Wahrhaft vernünftiges Handeln, kann nicht egoistisch
sein, sondern hat immer den anderen mit im Blick 2).
1) Christian Tapp, Religionsphilosophie: Vernunft und Glaube
2) Katharina
Ceming: Empathische Vernunft